Vor ein paar Wochen ging ich spazieren. Im Park gab es einen Fluss, auf dem etwa zehn Enten paddelten. Sie hatten sich in zwei Gruppen zusammen getan. Eine Ente jedoch stach aus der Menge hervor. Sie schwamm mitten auf dem Fluss. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: Sie befand sich mitten auf dem Fluss und ließ sich treiben.
Zugegeben: Ich bin kein Experte für die Körpersprache von Enten. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass die Ente sich nicht einfach entspannt treiben ließ. Sie erschien orientierungslos. So als ob sie nicht wisse, wo sie eigentlich hin will – zur Enten-Gruppe links oder rechts am Fluss oder doch lieber ganz woanders hin. Es schien, als würde sie ihre Optionen abwägen, während sie sich auf dem Fluss treiben ließ. Immer weiter weg von den Orten, zwischen denen sie sich entscheiden musste.
Ich komme nicht umhin zu denken, wie viel besser es gewesen wäre, die Ente hätte sich eine kleine Entscheidungs-Auszeit gegönnt. Wäre sie doch nur zum Ufer geschwommen, um dort in aller Ruhe eine Entscheidung zu treffen. Dadurch, dass sie sich keine Auszeit gönnen, sondern im Fluss bleiben wollte, musste sie später den ganzen Weg zurück schwimmen. Gegen den Strom. Welch unnötiger Kraftakt. Wie gut, dass wir Menschen klüger sind als Enten!?

Die folgende Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit. Sie handelt von Emma. Emma liebt es, im Wasser zu toben. Als sie alt genug ist, fängt sie einen Schwimmkurs an. Woche für Woche wird Emma sicherer im Wasser. Kurz vor Ende des Kurses fährt Emma mit ihren Eltern in den Urlaub. Jeden Tag will die Kleine ins Schwimmbad. Und mit jedem Tag bewegt sie sich freier im Wasser. Am zweiten Tag schafft sie eine kurze Strecke ohne Schwimmgürtel, ab dem vierten Tag wird die Schwimmhilfe erst gar nicht mehr mitgenommen. Emma springt begeistert von den Schultern ihres Vaters ins Wasser, die 25 Meter am Stück schafft sie problemlos – und tauchen tut sie sowieso für ihr Leben gern! Daher beschließt die Familie, dass Emma am letzten Urlaubstag ihre Seepferdchen-Prüfung angehen soll. Der Bademeister lässt Emma eine Bahn schwimmen – kein Problem. Dann der Sprung vom Beckenrand ins Wasser – ein Leichtes. Zum Schluss noch schnell den Ring aus schultertiefem Wasser hochgeholt. Emma guckt den Bademeister freudestrahlend an, aber der schüttelt nur bedauernd den Kopf. Es hätte keine deutlich erkennbare Eintauchbewegung gegeben. Tränen und noch mehr Tränen. Emma ist traurig und wütend zugleich, denn im Schwimmkurs hatten sie es anders gemacht. Emmas Mama setzt sich mit ihr an den Beckenrand. Als das Mädchen sich beruhigt hat, guckt sie zu, wie ihre Mama das Eintauchen vormacht. Emma versucht es – erst noch etwas steif, dann immer besser. Der Bademeister steht noch immer am Beckenrand und beobachtet das Geschehen. Emma soll es doch bitte noch einmal versuchen – erst in etwas flacherem Wasser, am Ende in schultertiefem. Und siehe da: Es klappt! Emma ist müde, hört zwar das „gut gemacht“ des Bademeisters, aber dennoch kullern erneut Tränen. „Ich habe es einfach nicht richtig hingekriegt. Ich konnte es nicht.“ Emmas Mutter aber sagte: „Du hast es anders gelernt. Beim ersten Versuch hat es nicht geklappt – das konnte es auch gar nicht. Aber nach ein paar Minuten hattest du den Dreh raus. Und zwar so gut, dass dir der Bademeister gleich das Seepferdchen-Abzeichen verleiht. Du hast es dir verdient! Jetzt muss du entscheiden: Welche Version der Geschichte willst du heute Abend Oma und Opa erzählen – deine oder meine?“

Eine in vieler Hinsicht intensive Woche liegt hinter mir. Meine ToDo-Liste für heute war lang, aber ich ziemlich groggy und reif fürs Sofa. Keine gut Kombination! Den Garten wollte ich auf Vordermann bringen. Was sollen schießlich die Nachbarn (und Klienten) denken, wenn das Unkraut langsam aber sicher die Oberhand gewinnt? So fing ich an, im Garten zu wuseln. Irgendwie lustlos und oberflächlich. Wieso den Löwenzahn ausstechen? Den oberen Teil, der ihn enttarnt als solchen enttarnt, abzurupfen geht doch viel einfacher und vor allem schneller. Dann sieht alles auch gleich weniger verwildert aus. Aber dann musste ich an die Geschichte von Herrn Rech denken. Und an die Frage, welchen Preis ich zu zahlen bereit bin, um ein Lob (oder zumindest kein abfälliges Kopfschütteln) meiner Mitmenschen zu erhalten. Mir schwirrt der Satz „Wer einen Garten hat, muss sich auch drum kümmern!“ im Kopf herum. Und ich denke mir, dass der Satz „Wer einen Körper hat, muss sich auch drum kümmern!“ mindestens genauso wahr ist. In diesem Sinne entscheide ich mich heute, dem Unkraut noch ein paar Lebenstage zu schenken und den Staubmäusen unter dem Sofa eine letzte Chance einzuräumen, um von selbst zu verschwinden. Und ich? Ich gönne mir jetzt eine Runde Bewegung und danach eine große Tasse Milchkaffee. Und heute Abend Erholung auf dem Sofa mit allem, was so dazu gehört. In diesem Sinne: Euch allen ein super gutes Wochenende mit euch selbst gegenüber wohlwollenden Entscheidungen!

Seit einiger Zeit unterstütze ich ehrenamtlich Radio sonnengrau. Gestern wurde dieses tolle Projekt im Rahmen im Bundeskanzleramt als eines der 25 herausragendsten sozialen Initiativen geehrt und zusätzlich als eines von sieben Projekten mit einem Geldpreis von 5.000 ,- Euro ausgezeichnet. Mit dabei war auch start social-Schirmherrin Angela Merkel.

Weitere Infos gibt es auf www.radiosonnengrau.de

 

Und weil es so schön war, gibt es heute noch eine zweite Garten-Geschichte für euch. Sie stammt ursprünglich von Stefan Hammel, dessen Buch „Der Grashalm in der Wüste“ ich wärmstens empfehlen kann!
P1140957Die heutige Geschichte handelt von Herrn Rech, einem begeisterten Gärtner. Jeden Tag ist er in seinem Garten zu Gange, jätet Unkraut, recht Laub zusammen, arbeitet den Boden durch. Eines schönen Tages laufen zwei ältere Damen an seinem Garten vorbei. Sie werfen sich vielsagende Blicke zu. „Hat dieser Herr Rech nichts Besseres zu tun, als den ganzen Tag Blumen zu gießen?“ Kopfschüttelnd gehen sie weiter.
Herr Rech hat die Bemerkung aufgeschnappt. Er ist empört. So etwas muss er sich nicht nachsagen lassen – er nicht! Er hat schließlich noch genug andere Dinge zu tun. Am nächsten Tag steht er früh auf und fährt ins Büro. Er macht viele Überstunden; sein Chef ist begeistert. Am Wochenende hört er, wie zwei Nachbarn sich unterhalten. „Der Garten von Herrn Rech ist eine Schande für unser schönes Dorf! Wie kann er ihn nur so verwahrlosen lassen?“
Also beschließt Herr Rech, am nächsten Morgen noch früher als sonst aufzustehen. Er arbeitet im Büro ohne Pause bis zum Abend durch und geht anschließend in seinen Garten. Da hört er, wie zwei Spaziergänger halblaut mit einander reden. „Das ist mir ja einer! Er hat vier kleine Kinder. Aber statt mit ihnen Zeit zu verbringen, ist er bis spät abends hier im Garten und hackt die Beete durch … das ist doch unmöglich!“
Seit diesem Tag steht Herr Rech noch früher auf. Vor Dienstbeginn arbeitet er im Garten, danach arbeitet er im Büro ohne Pause bis zum späten Nachmittag durch. Wieder daheim hilft er seiner Frau im Haushalt und spielt mit den Kindern. Am Abend fällt er todmüde ins Bett. So geht es eine ganze Zeit, bis er eines Tages nicht mehr aufsteht. Ein Herzinfarkt hat seinem Leben ein Ende gesetzt. Noch in der gleichen Woche findet die Beerdigung statt. Viele Leute aus dem Dorf begleiten ihn auf seinem letzten Weg. Und man hört sie zueinander sagen: „Der arme Herr Rech – was hat er nun von seiner ganzen Schafferei gehabt?“

„Was ist dein Geheimnis?“ wurde einmal ein berühmter Posaunist gefragt.Er antwortete: „Man hört nicht nur den Atem, denn du verbrauchst, sondern auch den, den du zurückbehältst.“ Mit diesen Worten drehte sich der Posaunist lächelnd um und verschwand.

(nach einer Geschichte von Stefan Hammel in „Der Grashalm in der Wüste“)