Jede Familie hat so ihre ganz eigenen Eigenheiten: bestimmte Werte, die hochgehalten werden, Rituale, Liebenswertigkeiten und Macken. Nicht alles davon ist gut, von manchem muss man sich im Laufe des Lebens befreien, weil man merkt, dass es nicht (mehr) passt. Und das ist auch gut so, denn wenn man nach Werten etc. lebt, die als – wenn man ehrlich ist – nicht stimmig empfunden werden, dann wird es anstrengend und zermürbend. Es gibt aber sicher auch Dinge, die du gerne in dein Leben als Erwachsene übernommen hast. Dinge, wo du merkst: die passen, die sind stimmig, die will ich leben! Das können wie gesagt Werte sein, aber genauso gut bestimmte Traditionen oder dass du den Dialekt deiner Heimat pflegst. Überleg doch mal: Was hast du aus deiner Herkunftsfamilie übernommen, für das du heute noch dankbar bist?

 

Eine Klientin erzählte mir kürzlich, dass sie früher schlechte Entscheidungen getroffen habe. „Wie konnte ich nur, das war so dumm von mir!“ kommentierte sie über sich selbst den Kopf schüttelnd ihre Erzählung. Ich widersprach ihr, was sie irritierte – denn sie hatte ja grundsätzlich recht mit der Aussage, dass die getroffenen Entscheidungen sich als nicht zielführend herausgestellt hatten. Der Punkt ist nur: Wir analysieren die Vergangenheit; wir wissen, wie sich Dinge entwickelt haben; wir sind älter und reifer und ja, auch etwas weiser.

Ich glaube, dass die große Kunst darin besteht, nicht jetzt über damals zu urteilen. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass wir grundsätzlich immer versuchen, die für uns beste Entscheidung zu treffen. Wohlgemerkt in der jeweiligen Situation, mit den uns zur Verfügung stehenden Informationen. Und auch wichtig: Wir treffen die subjektiv beste Entscheidung. Was ich damit meine? Dass wir nicht immer den Kopf entscheiden lassen, sondern weitaus öfter unsere Gefühle. Und das Gefühl, es sich mit Personen, die einem wichtig sind, zu verscherzen, wenn man eine bestimmte, objektiv logische und vielleicht auch gute Entscheidung trifft, kann weit mehr wiegen als alle Möglichkeiten, die sich auftun könnten. Die Sache mit der Taube auf dem Dach und dem Spatz in der Hand. Sicherheit versus Risiko. Wenn der mögliche Verlust einer Beziehung für uns schwerer wiegt als alle Möglichkeiten, die sich auftun könnten, dann ist das in der Situation so und wir entscheiden uns für das, was wichtiger ist. Mit einigen Wochen oder auch Jahren Abstand kann das ganz anders aussehen. Dann ist es vielleicht dran, zu erkennen: Ich habe mich verändert, ich würde heute anders entscheiden. Aber sich selbst für die Entscheidungen der Vergangenheit zu verurteilen, hilft nicht weiter. Am Ende der Stunde atmete die Klientin auf und meinte: „Es tut gut, diese neue Perspektive. Ich kann meine Vergangenheit ganz anders wahrnehmen und habe ein neues Verständnis für mein jüngeres Ich gewonnen.“ Wie genial!

Kennt ihr auch diese „Berge“, die sich manchmal vor einem auftun – selbst dann, wenn man im flachsten Flachland lebt? To-Do-Berge meine ich. Manchmal bestehen diese Berge aus einer großen Anzahl an ToDos, manchmal ist es auch ein einziges ToDo, das einem aber dafür umso riesiger vorkommt. Ich habe meinen persönlichen „Berg“ gerade erfolgreich hinter mir gelassen … nachdem ich wochenlang um ihn rumgeschlichen bin. Es war auch nichts wirklich Schlimmes: Ich hatte vor einiger Zeit ein Bild nachgemalt, das ich in einem Buch gesehen und ganz witzig fand. Das „Problem“ war nur, dass es so gar nicht mein Malstil ist, Und das eigentliche Problem, dass sich jemand eine Kopie eben dieses Bildes zum Geburtstag gewünscht hat. Natürlich habe ich versucht, die Sache irgendwie abzubiegen: ein anderes Motiv wäre doch auch nett. Oder eine in der gleichen Größe ausgedrucktes Foto, dann sogar in schönem Rahmen. Aber nein, besagte Person wollte ein „Original“. Dummerweise wollte ich mein Erstlingswerk nicht hergeben, trotz aller Unvollkommenheit, die ich besagter Person lang und breit aufgezeigt hatte. Also noch mal ran an die Arbeit. Die Leinwand war schnell gekauft, aber dann kam sie, die Unlust. Und das ToDo wuchs. Und wuchs. Und wuchs, bis es schlussendlich die gefühlte Größe des Mount Everest hatte. Irgendwann kam Zeitdruck ins Spiel. Dann Anflüge von Panik. Und dann der Geistesblitz: Ich könnte das tun, was ich meinen Klienten immer wieder rate, nämlich den persönlichen Mount Everest runterbrechen in viele kleine Schritte. Also Zettel raus und alle Einzelschritte notiert. Und siehe da: Wenn ich jeden Tag 1-2 Schritte gehe, dann wird das Bild rechtzeitig fertig. Und der Plan ging auf. Ganz ohne Stress und Panikattacke und Nacht-und-Nebel-Fertigstellaktion. Jetzt kann ich nur hoffen, dass das Bild auch gut ankommt. Ein paar Details hab ich dann nämlich doch noch verändert. Bin gespannt …

Und wieder lautet die Frage: Was machst du eigentlich so bei/als VORWÄRTSLEBEN? Letzte Woche habe ich davon berichtet, dass ich spazieren gehe. Aber das natürlich nicht den ganzen Tag.
 
Was mache ich sonst noch so?
Ich arbeite an mir. Das kann ganz unterschiedlich aussehen: mich selbst besser kennen lernen (Macken, Fähigkeiten und meine „Themen“, die mich positiv oder negativ in Fahrt bringen), Fachliches dazu lernen etc.
 
P1160897Warum und wann mache ich das?
Ich glaube, dass es wichtig ist, sich selbst immer besser kennen zu lernen – und zwar mit allen Licht- und Schattenseiten. Das gilt für jeden Menschen, aber vielleicht noch mal besonders für Menschen, die wie im Bereich Coaching und Therapie intensiv mit anderen Menschen arbeiten. Denn wenn ich mir meiner Eigenarten bewusst bin, kann ich sie besser steuern – sowohl wie liebenswerten als auch die eher nervigen. 🙂 Und jeder Mensch hat so seine Themen, die ihn auf die Palme bringen, mauern lassen oder aber in einen freudigen und quasi unstoppbaren Redefluss versetzen. Das schließt auch mich mit ein und hört an der Tür zur Praxis leider nicht auf. (Wäre doch schön, so ein Schalter, der sich umlegt, sobald man mit Klienten zu tun hat … leider wohl nur ein Traum.) Aus diesem Grund versuche ich, mich immer besser kennen zu lernen: Damit ich ein immer besseres Gegenüber für die Leute bin, die zu mir kommen. Und klar, fachlich gibt es immer etwas dazu zu lernen. Deshalb lese ich Bücher und besuche Weiterbildungen. Wann ich das mache? Die letzten drei Jahre quasi nonstop (gefühlt), aber auch in Zukunft regelmäßig. Ich wichtig, muss sein, bringt mich weiter und macht Spaß!

„You don’t know if the plan doesn’t work if you’re not working the plan.“ Über diesen Satz bin ich kürzlich in einem Buch gestolpert. Die Autoren von „The 12 week year“ führen aus, dass es wichtig ist zu unterscheiden, ob etwas keinen Erfolg hat, weil das Projekt falsch angegangen wurde, es also Fehler im Plan gab, oder aber weil der Plan nicht richtig und vor allem bis zum Ende umgesetzt wurde. Denn je nachdem, was der Grund war, muss unterschiedlich darauf reagiert werden.

Beim Lesen fühlte ich mich ertappt: Ich habe schon oft erklärt, dass „das“ einfach nicht funktioniert. Vielleicht für andere, aber nicht für mich. Wenn ich ehrlich bin, habe ich bei der Umsetzung aber auch geschludert, hab Fünfe gerade sein lassen, hab vorher abgebrochen, „weil ja schon jetzt klar ist, dass das nichts wird“. Ich nehme mir vor, in Zukunft ehrlicher zu sein: Die Schuld am Mißerfolg nicht sofort dem Plan zuzuschieben, sondern mich zu fragen, ob ich meinen Teil zum Gelingen beigetragen habe. Oder auch zu sagen, dass mir manche Dinge, wenn ich ganz ehrlich bin, doch nicht wichtig genug sind, als dass ich dafür so viele Opfer bringen möchte.

alltagsMUTKlar stört es mich, wenn mir beim Arzt gesagt wird, dass ich leider zu klein für mein Gewicht bin. Das fühlt sich doof an. Ich mache regelmäßig Sport, ernähre mich vernünftig – der Weg raus wäre vermutlich über noch mehr Sport (wo mir dann aber vermutlich der Spaß bei verloren ginge) und dem Streichen von solchen Dingen wir einem Glas Wein am Abend etc. Und da habe ich gerade keine Lust drauf. Heißt: Nicht den schwarzen Peter anderen zuschieben, sondern dazu stehen, dass mir Wein und Spaß am Sport wichtiger sind als ein BMI im Normbereich.

Meine Entscheidung. Und die kann ich jederzeit ändern, wenn ich möchte. Die Entscheidung (und Verantwortung) liegt ganz bei mir!

„Ich darf sein, wie ich bin.“
 
Mag sein – die Frage ist nur, ob ich so sein will, wie ich bin. Gerade heute früh fand ich mich so gar nicht sympathisch. Hab rumgenörgelt, war wenig reflektiert. Später habe ich mich dann dafür fertig gemacht. Dabei weiß ich doch, dass ich diese zickige, unausgeglichene Seite nicht dadurch weg kriege, dass ich sie bekämpfe. Dass es viel besser wäre, sie erst mal als das zu bejahen, was sie ist – eine Seite. Eine von vielen. Und dann zu gucken, was die nörgelnde, unreflektierte Zicke angelockt hat. Um daraus für die Zukunft zu lernen. Zeitdruck ist so ein Lockmittel. Dann gerade wenn ich unter Stress stehe (oder mir selbst Stress mache – das trifft es wohl eher), werde ich unflexibel. Sehe nicht, dass viele Wege nach Rom führen und dass es für so ziemlich jedes Problem eine Lösung gibt. So werde ich mir gleich noch mal Zeit zum Durchatmen gönnen, mich für mein Genörgel entschuldigen und die Situation als Anlass nehmen, in Zukunft dafür zu sorgen, dass ich möglichst wenig Lockmittel in meiner Nähe dulde. Zum Beispiel indem ich mir genügend Pausen gönne.
 
„Ich darf sein, wie ich bin.“ Was sind deine Gedanken, wenn du diese Aussage liest?

Dankbarkeit. In meinem letzten Post habe ich ein paar Zeilen dazu geschrieben. Es mag den Eindruck erweckt haben, dass dankbar zu sein ziemlich einfach ist. Weil es so viel gibt, für das man dankbar sein kann.

Ich habe aber auch geschrieben, dass dankbar zu sein eine Entscheidung ist. Ein willentlicher Akt sozusagen. Die Entscheidung, den Blick auf das zu richten, was gut ist – nicht perfekt, nicht wow-mäßig und oft inmitten des so ganz und gar Nichtperfekten.

6-9Also her mit dem positiven Denken? Sich Dinge schön reden? Das ist so gar nicht mein Fall. Warum? Weil es der Wirklichkeit nicht gerecht wird. So erlebe ich es gerade: Kürzlich habe ich zugesagt, ein Projekt zu sponsern. Alles klang gut – eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Ich war happy und habe zugesagt. Im Nachhinein stellte sich die Sache als recht einseitig heraus und leider zähle ich dabei nicht zu den glücklichen Gewinnern. Es war eine Fehlentscheidung, die mich viel gekostet hat – und das auf mehreren Ebenen. Ich war sauer: Sauer auf die Person, die mir das Projekt so ganz anders verkauft hat, als es später umgesetzt wurde. Sauer auf mich selbst, weil ich mich habe blenden lassen. Sauer, weil diese Fehlentscheidung auch andere mittragen müssen.

Diese säuerlichen Emotionen sind da. Bringen sie mich weiter? Nein. Im Gegenteil: Sie machen handlungsunfähig. Und so habe ich die Entscheidung getroffen, dass ich mich zwar ärgern kann, aber ohne im Ärger zu erstarren. Dass ich die Sache reflektieren und daraus lernen werde. Dass ich die Realität  zwar nicht toll finde, sie aber akzeptiere.

6-8Und ja, ich habe mich entschieden, dankbar zu sein: Dankbar dafür, dass ich nach aktuellem Stand aus der Sache zwar als Verlierer raus gehe, die Entscheidung Konsequenzen hat, aber nicht existenziell bedrohlich ist. Dankbar dafür, dass ich Menschen an meiner Seite habe, die die Sache mit tragen. Und dafür, dass ich eben nicht in diesem Ärger, dieser Ohnmacht versacken muss, sondern lernen darf, ohne dabei zu verbittern.

Ist das ein zu persönlicher Post? Ich habe es abgewogen. Das Ergebnis liest du gerade. Die Autorin Brené Brown hat mich daran erinnert, wie viel wir voneinander lernen können – auch und gerade aus den Niederlagen. In diesem Sinne hoffe ich, dass euch meine Erfahrung ermutigt, den Blick vom Problem zur Lösung zu wenden. Gerne unterstütze ich euch dabei – live oder auch online!

www.vorwärtsleben.de

WS-9-16_webAm Dienstag, 27. September, lade ich zwischen 19-21 Uhrzu einem entspannt-kreativen Abend in meine Praxis in Reinfeld ein. In kleiner Runde werden wir bei einer Tasse Tee darüber nachdenken, was wir uns für unser Leben wünschen.

Die Teilnahme ist kostenlos.

Eine Anmeldung per Telefon, E-Mail (kontakt@vorwaertsleben.de) oder Kommentar unter diesem Post ist jedoch erforderlich.

Ein Märtyrer will nicht als egoistisch oder gar gefühlskalt gelten. Sein Wunsch ist es, andere zu retten, ihnen Gutes zu tun. Dabei stellt er sich selbst zurück, ist oft hart gegen sich selbst. Gefühle unterdrückt er, um niemandem weh zu tun oder zur Last zu fallen.

Frage an dich:

Inwiefern findest du dich in dieser Beschreibung wieder? Was ist dir vertraut, was vielleicht auch gar nicht? Und zu guter Letzt: Gibt es bestimmte Situationen, in denen der Märtyrer dominanter ist als in anderen?

Was den Arglosen ausmacht, ist seine kindliche Natur: Er ist unwissend-naiv, will umsorgt werden, ist abhängig von anderen. Er hat keinen Blick für mögliche Gefahren und hat Angst, verlassen zu werden. Sein Wunsch ist es, glücklich zu sein; das Leben soll locker-leicht daher kommen.

Man könnte noch jede Menge zu dieser Facette einer Persönlichkeit sagen, aber das soll als Einstieg genügen.

Frage an dich:

Inwiefern findest du dich in dieser Beschreibung wieder? Was ist dir vertraut, was vielleicht auch gar nicht? Und zu guter Letzt: Gibt es bestimmte Situationen, in denen der Arglose dominanter ist als in anderen?