Eine Klientin erzählte mir kürzlich, dass sie früher schlechte Entscheidungen getroffen habe. „Wie konnte ich nur, das war so dumm von mir!“ kommentierte sie über sich selbst den Kopf schüttelnd ihre Erzählung. Ich widersprach ihr, was sie irritierte – denn sie hatte ja grundsätzlich recht mit der Aussage, dass die getroffenen Entscheidungen sich als nicht zielführend herausgestellt hatten. Der Punkt ist nur: Wir analysieren die Vergangenheit; wir wissen, wie sich Dinge entwickelt haben; wir sind älter und reifer und ja, auch etwas weiser.

Ich glaube, dass die große Kunst darin besteht, nicht jetzt über damals zu urteilen. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass wir grundsätzlich immer versuchen, die für uns beste Entscheidung zu treffen. Wohlgemerkt in der jeweiligen Situation, mit den uns zur Verfügung stehenden Informationen. Und auch wichtig: Wir treffen die subjektiv beste Entscheidung. Was ich damit meine? Dass wir nicht immer den Kopf entscheiden lassen, sondern weitaus öfter unsere Gefühle. Und das Gefühl, es sich mit Personen, die einem wichtig sind, zu verscherzen, wenn man eine bestimmte, objektiv logische und vielleicht auch gute Entscheidung trifft, kann weit mehr wiegen als alle Möglichkeiten, die sich auftun könnten. Die Sache mit der Taube auf dem Dach und dem Spatz in der Hand. Sicherheit versus Risiko. Wenn der mögliche Verlust einer Beziehung für uns schwerer wiegt als alle Möglichkeiten, die sich auftun könnten, dann ist das in der Situation so und wir entscheiden uns für das, was wichtiger ist. Mit einigen Wochen oder auch Jahren Abstand kann das ganz anders aussehen. Dann ist es vielleicht dran, zu erkennen: Ich habe mich verändert, ich würde heute anders entscheiden. Aber sich selbst für die Entscheidungen der Vergangenheit zu verurteilen, hilft nicht weiter. Am Ende der Stunde atmete die Klientin auf und meinte: „Es tut gut, diese neue Perspektive. Ich kann meine Vergangenheit ganz anders wahrnehmen und habe ein neues Verständnis für mein jüngeres Ich gewonnen.“ Wie genial!

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