Wir schauen gerne auf andere Menschen herab. Auf diejenigen, die es langsam angehen; die der Gesundheit zuliebe einen Liegestütz am Tag machen. „Das ist doch Kinderkram, das bringt doch nichts!“ denken wir, schütteln den Kopf und starten unser „richtiges“ Sportprogramm. Von 0 auf 100, das ist unser erklärtes Ziel.
Klar, wir sind seit Monaten (oder Jahren) nicht mehr laufen gewesen – aber so schwer kann das doch nicht sein. Wir beißen die Zähne zusammen bis es knirscht und laufen los. Nach fünf Minuten setzt dieses fiese Seitenstechen ein, das wir noch aus dem Schulsport kennen. Nach spätestens 10 Minuten gleichen unsere Beine dem Wackelpudding, den es am Tag zuvor zum Nachtisch gab. Das Herz scheint in unserer Brust zu explodieren. Aber wir sind ja keine „Ich mache einen Liegestütz am Tag“-Schwächlinge. Wir ziehen das mit dem 30 Minuten-Lauf durch. Knallhart und eisern. Zum Glück schießt uns just in diesem Moment ein Wort durch den Kopf: Stretching. Das ist wichtig, das weiß jedes Kind. So schwanken wir zum nächstbesten Baum und stemmen uns gegen ihn. Wenn Leute vorbei kommen, murmeln wir etwas von „noch mal ordentlich dehnen, bevor es weiter geht“. Stretching ist wichtig und schnell sind die nächsten 10 Minuten rum. Zeit also, um sich auf den Rückweg zu begeben. Langsam natürlich, das nennt man dann Auslaufen. Die letzten (hunderte) Meter wird dann noch mal ausgiebig im Gehen gedehnt. Auch das ist wichtig! Am Ende der 30 Minuten haben wir es uns selbst bewiesen: Wir sind toll!
Dass Dumme ist nur, dass solche von 0 auf 100-Sportler meist nicht lange durchhalten – und wenn, dann oft nur mit zusätzlich mit Heißkleber zusammen geklebten Zähnen. Freude an Bewegung ist etwas anderes.
Aber noch mal zurück zu dem Typ mit dem Liegestütz: Zugegeben, ein Liegestütz am Tag ist nicht viel. (Wobei viele von uns, wenn sie ehrlich sind, wahrscheinlich nicht mal einen korrekten Liegestütz hinkriegen.) Mal angenommen, die Person hätte sich ein weitaus größeres Ziel als diesen einen Liegestütz am Tag gesetzt. Ein Ziel, das er in viele kleine erreichbare Unterziele runter gebrochen hat. Wenn er beispielsweise eine Woche lang jeden Tag einen Liegestütz macht – und in der zweiten Woche dann jeden Tag zwei, in der dritten Woche drei etc.? Was wäre, wenn er jede Woche das Tagespensum um einen Liegestütz erhöht? Dann hätte er am Ende eines Jahres ordentlich Muskeln aufgebaut – und würde über 50 Liegestütz schaffen.
In diesem Sinne: Belächle nie die kleinen Anfänge!

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